Der Artikel von Anne Applebaum im The Atlantic, „MAGA Is Making the World Safe for Corruption“ (Print-Titel: „Empire of Grift“), vertritt eine sehr weitreichende These: Die zweite Trump-Regierung verändere die amerikanische Außenpolitik nicht nur politisch, sondern strukturell – weg von der Förderung liberaler Demokratien und hin zu einer Mischung aus Machtpolitik, ideologischer Unterstützung der internationalen Rechten und privaten Geschäftsinteressen.
Die Kernaussage
Applebaum beschreibt MAGA nicht als klassischen Isolationismus. Ihrer Ansicht nach handelt es sich vielmehr um eine revolutionäre internationale Bewegung, die die politische Ordnung innerhalb der USA und zugleich die internationale Ordnung verändern will. Traditionelle Diplomatie, internationale Institutionen und langfristige Bündnisse würden dabei zunehmend als Hindernisse betrachtet.
An ihre Stelle trete ein informelles Netzwerk aus Trump-Vertrauten, MAGA-Aktivisten, Tech-Milliardären, Unternehmern, Lobbyisten und ideologischen Verbündeten. Diese Akteure könnten teilweise mehr Einfluss auf die amerikanische Außenpolitik haben als die klassischen diplomatischen Institutionen.
1. Brasilien als Beispiel
Besonders ausführlich schildert Applebaum die Auseinandersetzung mit Brasilien.
Die Trump-Regierung verhängte hohe Zölle gegen Brasilien und Sanktionen gegen den Richter Alexandre de Moraes – während gleichzeitig Bolsonaro, der wegen des Versuchs eines Staatsstreichs angeklagt war, von Trump und MAGA-Kreisen unterstützt wurde.
Bemerkenswert sei, dass die offiziellen diplomatischen Kanäle praktisch nicht mehr funktionierten. Stattdessen versuchten Geschäftsleute, Lobbyisten, MAGA-Influencer und persönliche Kontakte zu Trump, Einfluss zu nehmen. Ein brasilianischer Milliardär soll schließlich bei der Vermittlung zwischen Trump und Lula geholfen haben.
Für Applebaum ist Brasilien deshalb ein Musterbeispiel: Amerikanische Außenpolitik werde zunehmend personalisiert und informell – und politische Macht könne mit wirtschaftlichen Interessen verschmelzen.
2. Europa: Unterstützung der radikalen Rechten
Ein weiterer Schwerpunkt ist Europa.
Applebaum argumentiert, dass die Trump-Regierung nicht mehr primär demokratische oder liberale Kräfte in Europa unterstützt, sondern Parteien und Bewegungen, die sie als „zivilisatorische Verbündete“ betrachtet – insbesondere nationalistische und rechtspopulistische Parteien.
Dabei nennt sie unter anderem die AfD in Deutschland, Viktor Orbán in Ungarn und andere europäische Rechtsparteien. Vance und andere US-Vertreter hätten sich teilweise ausdrücklich in europäische Wahlkämpfe eingemischt.
Die entscheidende Veränderung sei laut Applebaum:
Früher war das amerikanische Ziel zumindest offiziell die Stärkung von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechten. Jetzt würden „Zivilisation“, christliche Identität, Migration und ethnisch-kulturelle Gemeinsamkeiten zunehmend an deren Stelle treten.
3. Wirtschaftliche Interessen und Außenpolitik verschmelzen
Das vielleicht wichtigste Argument des Artikels steckt bereits im Titel „Empire of Grift“.
Applebaum sieht eine Verbindung zwischen der MAGA-Ideologie und den Interessen großer Unternehmen und Vermögender – insbesondere aus den Bereichen:
- Technologie und Big Tech
- Kryptowährungen
- Öl und Gas
- Rohstoffe und seltene Erden
- Rüstung
- Immobilien
Sie führt beispielsweise Geschäfte im Zusammenhang mit Ukraine, Kasachstan, Venezuela und Gaza an und stellt die Frage, ob bestimmte außenpolitische Initiativen tatsächlich dem amerikanischen Staatsinteresse dienen – oder bestimmten Unternehmen und Personen im Trump-Umfeld.
Besonders problematisch findet sie die Überschneidung von Regierungsämtern und privaten Geschäftsinteressen: Trump selbst und Mitglieder seiner Familie würden weiterhin umfangreiche Geschäftsinteressen verfolgen, während gleichzeitig Entscheidungen der US-Regierung unmittelbare wirtschaftliche Auswirkungen auf diese Kreise haben könnten.
4. Grönland und Kanada
Applebaum benutzt Grönland und Kanada als besonders anschauliche Beispiele.
Bei Grönland vermischt sich ihrer Darstellung zufolge das amerikanische Interesse an strategischer Lage und Rohstoffen mit Geschäftsinteressen von Unternehmern aus dem Trump-/Tech-Umfeld. Gleichzeitig werde politischer Druck auf Dänemark und Grönland ausgeübt.
Bei Kanada sieht sie die Drohung mit einer Annexion bzw. dem Status als „51. Bundesstaat“ nicht als bloßen Trump-Scherz. Die Zölle hätten ihrer Interpretation nach auch den Zweck, Kanada wirtschaftlich unter Druck zu setzen. Gleichzeitig würden amerikanische rechte Medien und Politiker die Separatistenbewegung in Alberta verstärken.
Ihre These lautet: Wirtschaftlicher Druck, politische Einflussnahme und ideologische Medienkampagnen werden zu einem einzigen Instrumentarium.
5. Das Ende der traditionellen amerikanischen „Soft Power“
Besonders besorgniserregend ist für Applebaum der institutionelle Wandel.
Organisationen und Programme, die über Jahrzehnte amerikanischen Einfluss durch Bildung, humanitäre Hilfe, Medien, Menschenrechte und Demokratieförderung ausgeübt haben, würden geschwächt oder für andere politische Zwecke eingesetzt.
Sie nennt unter anderem:
- die Abschaffung bzw. massive Schwächung von USAID,
- Veränderungen bei Voice of America und Radio Free Europe,
- eine politische Neuausrichtung von Menschenrechtsberichten,
- Eingriffe in das Fulbright-Programm,
- eine politische Auswahl von Förderprojekten.
Damit verliere Amerika nach Applebaums Auffassung eine der wichtigsten Quellen seiner internationalen Macht: das Vertrauen anderer Länder in die USA.
6. Die internationale Nachahmung
Applebaum sieht außerdem einen Ansteckungseffekt.
Politiker in anderen Ländern würden Trumps Methoden übernehmen: nationalistischer Populismus, Angriffe auf Institutionen, enge Beziehungen zu Unternehmern und Krypto-Interessen, aggressive Migrationspolitik und die Umgehung etablierter demokratischer Normen.
Als Beispiele nennt sie unter anderem Politiker in Argentinien, Polen, Rumänien, El Salvador, Chile und Kolumbien.
Dadurch entstehe eine Art internationales Netzwerk illiberaler Politiker, die sich gegenseitig legitimieren und unterstützen.
Was Applebaum letztlich warnt
Ihre zentrale Warnung lässt sich ungefähr so zusammenfassen:
Amerika wechselt von einer Außenpolitik, die – zumindest offiziell – eine internationale Ordnung aus Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Bündnissen und freien Märkten aufrechterhalten wollte, zu einer Politik, in der Macht, Loyalität, ideologische Verbündete und persönliche bzw. wirtschaftliche Interessen dominieren.
Das Problem daran sei nicht nur, dass andere Länder die USA weniger mögen. Viel gravierender sei, dass Verbündete beginnen könnten, den USA nicht mehr zu vertrauen und deshalb nach Alternativen suchen – etwa China, der EU oder eigenen regionalen Bündnissen.
Applebaum illustriert das am Ende mit einem scheinbar nebensächlichen Beispiel: Trump habe sich persönlich dafür eingesetzt, dass ein amerikanischer Fußballspieler nach einer roten Karte wieder spielen durfte. Die internationale Empörung darüber interpretiert sie als Symbol für etwas Größeres: Viele Menschen weltweit hätten zunehmend den Eindruck, dass die USA die Regeln für sich selbst nicht mehr gelten lassen.
In einem Satz
Applebaums These lautet: MAGA ist ihrer Ansicht nach keine isolationistische Außenpolitik, sondern der Versuch, die internationale Ordnung nach dem Prinzip „Macht, ideologische Loyalität und Profit“ neu zu gestalten – auf Kosten von Demokratie, Bündnistreue und amerikanischer Glaubwürdigkeit.


